Bericht von der Ausstellung in Kassel

Vergessene Geschichte “Ausstellung zu den Berufsverboten in Hessen"

Anfang April wurde die Wanderausstellung „Vergessene Geschichte – Berufsverbote in Hessen“ an der Herderschule in Kassel mit einer Diskussionsveranstaltung eröffnet, an der rund 60 Schülerinnen und Schüler der Politikleistungskurse der Schule teilnahmen.

Cornelia Booß-Ziegling aus Hannover, die an der Erstellung der Ausstellung beteiligt war, stellte die Berufsverbote in einen historischen Kontext von über 200 Jahren staatlicher Repression in Deutschland. Wolfgang Artelt, Silvia Gingold und Günter Waldeck, die selbst betroffen waren, erläuterten, wie die Berufsverbote ihre persönliche Biografie und den politischen Diskurs der 70er und 80er Jahre des 20.Jahrhunderts beeinflussten.

Die Fragen der Schülerinnen und Schüler machten deutlich, dass sie die Berufsverbote als Geschichte betrachten und aktuelle Bezugspunkte wie das neue hessische Verfassungsschutzgesetz nur in Ansätzen sehen (HLZ S.21). Deshalb stieß die Forderung nach einer Auflösung der Verfassungsschutzämter bei den Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschülern auf wenig Zustimmung. Sie sehen in diesen ein wichtiges Instrument zum Schutz demokratischer Verhältnisse und befürchten, dass ein Staat ohne solche Institutionen schutzlos sei.

Die Erzählungen, wie die Anhörungen abliefen und welche geheimdienstlichen „Erkenntnisse“ ausreichten, um eine berufliche Karriere abrupt zu been-den, machten allerdings nachdenklich, ebenso die Kopien geschwärzter Akten, die der hessische Verfassungsschutz auch heute noch über Silvia Gingold führt, und Verweise auf die Verwicklung des Verfassungsschutzes in den NSU-Komplex (HLZ S.16f.).

Es zeigte sich an dieser Stelle der Debatte klar, wie weit verankert extremismus- und totalitarismustheoretische Denkweisen im Alltagsbewusstsein heutiger Schülerinnen und Schüler sind.Deutlich wurde auch, dass zwischen den Erfahrungswelten der „Berufsverbotegeneration“ und denen der Schülerinnen und Schüler etliche Jahrzehnte liegen. Der Kampf für eine Aufarbeitung der Verbrechen des deutschen Faschismus und seiner Nach-wirkungen in der Bundesrepublik, aber auch der Kampf gegen den Vietnamkrieg, der eine Generation prägte, ist für die andere Geschichte, die mit aktuellen politischen Fragen wie der Gestaltung des Urheberrechts, dem Kampf gegen den Klimawandel oder dem gegen eine allumfassende digitale Überwachung zunächst einmal wenig zu tun hat.

Für die politische Bildung in der Schule stellt sich daher die Frage, wie es gelingen kann, das Aktuelle, das in der Auseinandersetzung mit den Be-rufsverboten steckt, deutlich zu machen. Die Rolle des Staatsapparates, die Aufgaben und Funktionsweisen von Geheimdiensten, der Blick der po-litischen Akteure auf das, was von diesen als „links“ wahrgenommen wird, aber auch die Frage, wie sich eine Demokratie vor undemokratischen Ent-wicklungen schützen kann, sind auch heute Themen von hoher Relevanz. Hier kann die Ausstellung einen Beitrag dazu leisten, durch den Blick zu-rück die Augen für das zu öffnen, was heute und morgen geschieht. Allerdings wird es auch Lehrerinnen und Lehrer brauchen, die sich im Politikunterricht dieser Fragen anneh-men und die sich gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern auf die Suche nach dem Aktuellen im vorder-gründig Historischen begeben.