Politische Auswirkungen bis heute

Margarete Bühler

Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Noch nie hatte in meiner Familie jemand studiert. Ich wusste aber schon als Kind, dass ich Lehrerin werden wollte und hatte eine Mutter, die alles nur Erdenkliche unternahm, um mir diesen Traum zu ermöglichen. In dieser Zeit, Anfang sechziger Jahre, war es für ein Arbeiterkind und dazu noch als Mädchen, absolut nicht üblich, eine höhere Schule zu besuchen und zu studieren.

In einem christlichen Aufbaugymnasium mit Internat erfuhr ich dann erstmals Diskriminierung wegen meiner Herkunft. Das bestimmte meinen späteren politischen Weg. In der linken Bewegung, während meiner Studienzeit im MSB Spartakus und später in der DKP, fand ich meinen Weg, für eine andere Gesellschaft, für die Gleichheit aller Menschen zu kämpfen. Wir agierten offen, ohne Heimlichkeiten, ohne Angst. Und bis heute empfinde ich diese Zeit als die freieste Zeit meines Lebens.

Niemand von uns dachte im Traum daran, dass uns der Verfassungsschutz bereits bespitzelte und Akten über uns anlegte.

Willi Brandt war Bundeskanzler und wir fieberten mit, dass er ein Misstrauensvotum im Bundestag überstand. Und dann kam wie ein Paukenschlag der von Brandt initiierte Radikalenerlass. Von diesem Moment an waren wir plötzlich Staatsfeinde. Nachdem bereits 1956 die KPD verboten worden war, wussten wir, was das für jeden von uns bedeuten konnte. Plötzlich war unsere Unbeschwertheit, unsere Leichtigkeit verschwunden. Jede(r) musste für sich die Frage beantworten, wie reagiere ich. Behält die Angst die Oberhand oder ist der Wille stärker, für die eigene Überzeugung zu kämpfen und dafür unter Umständen mit Berufsverbot bestraft zu werden.

Es folgte in meinem Fall, wie in Tausenden anderen Fällen, ein Anhörungsverfahren, in dem mir die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes vorgelegt wurden – ein Artikel in der Zeitung der DKP über einen Hochschulstreik, Kandidatur für den Spartakus, eine Studienreise in die DDR und die zentrale Frage, ob ich Mitglied der DKP sei. Ich habe diese Frage nicht beantwortet, da die DKP eine zugelassene Partei war und ist.

Zum Glück stand mir ein Rechtsbeistand der GEW zur Seite, der mich beraten und unterstützt hat. Ohne diesen Rechtsschutz der GEW wäre es mir unmöglich gewesen, den Rechtsweg zu beschreiten.

Nicht nur beruflich und politisch, auch privat hatte diese Anhörung Folgen. Menschen zeigten mir ihre Solidarität, von denen ich es nie erwartet hätte. So hat sich zum Beispiel mein damaliger Schulleiter, ein SPD-Mitglied, geweigert, einen Bericht über mich für den Verfassungsschutz anzufertigen. Andere, enge Freunde und Kollegen, haben sich nicht getraut, ihren Namen unter eine Solidaritätsliste zu setzen.

Die Angst vor Repressalien und das Misstrauen hatten sich ausgebreitet. Ich erhielt anonyme Briefe, musste Niedrigkeiten menschlichen Verhaltens erleben.

Aber viel größer und bedeutender war die Solidarität vieler Kollegen, der Gewerkschaft, meiner damaligen Schüler und deren Eltern, meiner Familie, vieler Menschen, die ich vorher nicht gekannt hatte.

Berufsverbotskomitees gründeten sich an meinem Wohnort, überregional und sogar in Holland, die sich mutig und mit langem Atem für mich und andere Betroffene engagierten. Bis heute bin ich all diesen Menschen dankbar.

Ohne diese Solidarität hätte ich die folgenden Gerichtsprozesse, an deren Ende das endgültige Berufsverbot stand, nicht durchhalten können.

Einige Jahre durfte ich, immer wieder unterbrochen durch Verabschiedungen und anschließender Arbeitslosigkeit, mit schlecht bezahlten Lehraufträgen weiterhin Sport unterrichten, meine anderen Fächer, Deutsch und Sozialkunde, waren mir verboten. Ein mutiger VHS-Leiter ermöglichte mir, als Lehrkraft in VHS-Kursen zu arbeiten. Vom Staatlichen Schulamt gab es nur Schweigen.

Aber mir war das Leben in der BRD unerträglich geworden. Diese Bespitzelung, diese Härte der politischen Auseinandersetzungen, diese Ausgrenzung von Andersdenkenden, das nahm mir die Luft zum Atmen. So ging ich 1983 mit meiner Familie für sieben Jahre nach Südamerika.

Nach meiner Rückkehr gab es in Hessen eine Regierung von SPD und Grünen.

Alte Freunde der SPD überredeten mich, nochmals einen Antrag auf Einstellung in den hessischen Schuldienst zu stellen. Ich sollte wiederum ein Anhörungsverfahren durchlaufen. Dieses Mal weigerte ich mich. In meinem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes stand, dass ich zu allen Einstellungsterminen den notwendigen Notendurchschnitt hatte und einzig wegen meiner Mitgliedschaft in der DKP mit Berufsverbot bestraft wurde. Entweder das Berufsverbot wurde aufgehoben oder ich verzichtete auf eine Einstellung.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich wurde einer Schule zugewiesen, wurde noch Beamtin auf Lebenszeit und bin heute Pensionärin mit einer Mindestversorgung. Jeden Tag meines Berufslebens bin ich mit Freude in die Schule gegangen.

Mich persönlich hat das Berufsverbot am Ende gestärkt. Die Solidarität hat mir geholfen, die harten Zeiten zu meistern. Angst vor vermeintlichen Autoritäten habe ich völlig verloren. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt, denn ich bin den Weg gegangen, den ich für richtig gehalten habe.

Aber politische Auswirkungen haben die Berufsverbote bis heute. Wenn Kollegen aus Angst vor einem Eintrag in die Personalakte nicht an einem Streik der GEW teilnehmen, wenn gesellschaftlich wichtige Prozesse im Unterricht nicht behandelt werden etc., dann beruht dies auch darauf, dass die Angst vor Repressalien immer gegenwärtig ist.

Das Freiheitsgefühl und die Unbeschwertheit der siebziger Jahre sind bis heute verflogen. Der Traum von freien und gleichen Menschen in einer freien Gesellschaft ohne Bespitzelung ist weiter entfernt als zu meiner Studienzeit, aber er ist noch lange nicht aufgegeben.