Der Lehrer Hans Roth

Bis heute keine Wiedergutmachung

1980 erschien im Verlag Jugend und Politik ein Buch, das Aufsehen erregte. Hans Roth berichtete unter dem Titel „Aufrichten oder Abrichten“ über die „Erfahrungen eines Hauptschullehrers“. Das Vorwort schrieb Hartmut von Hentig. Danach wurde es still um den mit lebenslänglichem Berufsverbot belegten hessischen Lehrer, bis „Report Mainz“ unter dem Titel „Kampf um Gerechtigkeit“ am 1. Dezember 2008 über sein Schicksal berichtete.

Hochrangige Juristinnen und Juristen waren wie Prof. Dr. Ulrich Klug „schockiert“.

Der ehemalige hessische Innenminister Gottfried Milde zeigte sich „verblüfft“, Bundesinnenminister a. D. Gerhart Baum war „entsetzt“, und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bezeichnete den „Fall“ Roth als „erschütternd“.

Gewerkschaftskollegin Nadja Thelen-Khoder wirbt jetzt mit Hinweis auf diese und andere Stellungnahmen für ihre Petition zur Unterstützung von Hans Roth.

Das Sendemanuskript des Berichts von „Report Mainz“ dokumentiert, „wieso ein linker Pädagoge in Hessen niemals Lehrer werden durfte“. Man findet es mit vielen anderen Dokumenten im Internet (http://aljas.wordpress.com > Suche: Hans Roth). Die Sendung führte im März 2009 zur ersten Petition für Hans Roth, die jedoch abschlägig beschieden wurde. Roland Koch behauptete in einem Brief an Nadja Thelen-Khoder am 5. Januar 2009, Hans Roth sei „auf eigenen Wunsch“ aus dem hessischen Schuldienst ausgeschieden. Auf ihre Nachfrage wollte er auf Kandidatenwatch zur Landtagswahl 2009 nur noch „anmerken, dass es auch zum Bestandteil des Rechtsstaates gehört, dass getroffene Entscheidungen nicht ständig wieder in Frage gestellt werden. Das gilt insbesondere für die Entscheidungen unabhängiger Gerichte.“

In ihrer neuerlichen Petition fragt Nadja Thelen-Khoder, welcher „Entscheidungen unabhängiger Gerichte“ es denn bedurft hätte, wenn Hans Roth tatsächlich „auf eigenen Wunsch“ aus dem hessischen Schuldienst ausgeschieden wäre. Und was sollte den späteren Landesinnenminister Gottfried Milde im Sommer 1986 in einem Brief an den Hessischen Kultusminister Karl Schneider zu der Bitte veranlasst haben, „den Vorgang noch einmal persönlich zu überprüfen (...) und einen Weg zu suchen, auf dem man Hans Roth gerecht werden kann“?

Der „Fall“ Hans Roth existiert nun seit 39 Jahren. Der ehemalige Atommanager Klaus Traube berichtete in der Frankfurter Rundschau vom 12. November 1977 über „den hartnäckigen Kampf des gelernten Lehrers Hans Roth um sein Recht“ und „wie man in den Ruch kommt, ein Aussätziger zu sein“. Am 13. Mai 1981 schaffte es ein Bericht über ein Gerichtsverfahren zur „Vorlage und Vernichtung geheimer Akten über einen Lehramtsanwärter“ in derselben Zeitung auf die Titelseite. Noch vor Abschluss des Verfahrens zog es der Verfassungsschutz vor, das angelegte Dossier „freiwillig in den Reißwolf“ zu stecken. Bernt Engelmann verzeichnete Hans Roth 1979 im Personenregister seines Buches „Trotz alledem“ über „Deutsche Radikale 1777-1977“. Auch das Buch „Die unheimliche Republik“ von Heinrich Hannover und Günter Wallraff befasst sich unter dem Titel „Der ,falsche Aktenmensch’“ mit dem „Radikalen-Erlaß-Opfer Hans-Werner Roth“ (S.188-221).

Nadja Thelen-Khoder widerlegt mit diesen und anderen Dokumenten in ihrer Petition auch die Behauptung von Roland Koch, dass „Akten und Unterlagen, aus denen sich die näheren Umstände rekonstruieren ließen (…), nicht mehr verfügbar“ seien. „Die wichtigste Pflicht des Landes Hessen wäre, ihn moralisch zu rehabilitieren und ihm zu sagen, dass es keinen Grund gegeben hat, ihn als Lehrer abzuweisen“, sagt der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum: Und Professor Alfred Grosser, der sich auch persönlich an den damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch wandte, meint: „Er hat keinen Pfennig bekommen von der deutschen, von der hessischen Regierung. An sich stünde ihm enorme Entschädigung zu!“
Hans Roth lebt heute arm und krank in Frankreich, wohin er 1980 emigrierte, und seine jüngsten Sätze betonen erneut die Dringlichkeit unserer Solidarität: „Irgendwann nachts um drei ein Schrei: krummgeschlossen wie ein Zerquetschter, liegt man da, kann sich nicht mehr bewegen, nicht links herum, nicht rechts herum; aufstehen ist unmöglich.“

Nadja Thelen-Khoder sieht sich in ihrem Aufruf zur Solidarität durch „amtierende und ehemalige hochrangige Politiker“ bestärkt. Ihre Petition sei zwar mit ihren 90 Seiten zuzüglich eines Nachworts von Hans Roth „etwas lang geraten“, aber schließlich galt es zu begründen, „weshalb die Ablehnung der ersten Petition keineswegs zufriedenstellend war und einfach nicht das letzte Wort sein darf“.