Ausstellung im Campus-Center der Uni Kassel

6. bis 16. Juni 2017

Vergessene Geschichte – Berufsverbote – Politische Verfolgung

Vor 45 Jahren wurde der sogenannte Radikalenerlass von SPD Bundeskanzler Willy Brandt und den Ministerpräsidenten der Bundesländer beschlossen. In der Folge wurden mehr als 3,5 Millionen Menschen einer Regelanfrage beim Verfassungsschutz unterzogen. Viele von ihnen, fast ausschließlich aus dem linken Spektrum, erhielten Berufsverbote. Sie wurden aus dem öffentlichen Dienst entfernt oder ihre Bewerbungen abgelehnt. Jahre später nannte Brandt den Radikalenerlass einen „Irrtum“. Diese Art der politischen Säuberung, der Bespitzelung und Ausgrenzung politisch unliebsamer Beschäftigter, prägte für Jahre und Jahrzehnte ein Klima der Einschüchterung.

Die Wanderausstellung des Bündnisses „Berufsverbote Hessen“ nimmt den Jahrestag des ‚Radikalenerlasses’ zum Anlass, die politische Aufarbeitung dieses kaum beachteten Kapitels westdeutscher Nachkriegsgeschichte mit einer neuen Ausstellung voranzubringen. Dabei wird der Bogen weit gespannt: Auf 18 Stelltafeln wird die Geschichte der Berufsverbote in Deutschland vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart erzählt und ein umfassender Überblick über Fragen politischer Verfolgung und Repression geboten. Überrascht stellen wir dabei fest, dass es in Deutschland bis ins 21. Jahrhundert hinein Berufsverbote gab und wir auch in der Gegenwart nicht umhinkommen, uns mit verschiedenen Formen der politischen Repression und geistigen Beschränkungen im Berufsleben auseinanderzusetzen, wenn es darum geht, die Gesellschaft positiv verändern zu wollen.

Daher werden auch wir mit der Ausstellung im Foyer des neuen Campus Centers an einem zentralen Ort der Universität Kassel auf diesen wenig beachteten und weiterhin aktuellen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte aufmerksam machen. Im Rahmenprogramm setzen wir uns mit den historisch-politischen Kontextbedingungen des Radikalenerlasses und den Folgen der Berufsverbote für die Betroffenen auseinander. Ebenso wollen wir uns mit der aktuellen Situation massenhafter Berufsverbote in der Türkei und den Möglichkeiten praktischer Solidarität befassen sowie Perspektiven emanzipatorischer Politik, Wissenschaft und Bildung unter Bedingungen eines allgegenwärtigen Konformitätsdrucks gemeinsam in Vorträgen und Workshops ausloten.

Rahmenprogramm zur Ausstellung

Dienstag, 6. Juni, 18 bis 20 Uhr | Hörsaal 3, Campus Center, Moritzstr. 18, Kassel 

Zeithistorische Einordnung der ‚Berufsverbote‘ und ihre Aktualität für Wissenschaft und politische Bildung

Gegen wen wandte sich der ‚Radikalenerlass‘? Warum sah die Bundesrepublik in linkspolitischen Aktivist*innen im öffentlichen Dienst in den 1970er Jahren eine so große Gefahr? Welche Folgen hatte dieser maßgebende Eingriff des Staates in politisches Handeln öffentlich Bediensteter für die Betroffenen und für die Ausgestaltung einer politischen Gesellschaft, in der immer noch Antifaschist*innen vom ‚Verfassungsschutz‘ beobachtet werden? Welche Konsequenzen für Herrschaftskritik und Demokratisierung in der Politischen Bildung sind weiterhin zu spüren? Diese und weitere Fragen diskutieren wir mit:

  • Dr. Dominik Rigoll, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF)
  • Silvia Gingold, Bündnis gegen Berufsverbote Hessen
  •  Prof. Dr. Andreas Eis, Fachgebiet Didaktik der politischen Bildung, Universität Kassel

Anschließend kleiner Empfang mit Getränken und Snacks im Foyer des Campus Center 

Mittwoch, 7. Juni, 14 bis 20 Uhr

Freie Wissenschaft unter Druck: Wege zu konkreter Solidarität mit türkischen Kolleg_innen!

14 bis 17 Uhr | Raum 0105/0106 im ASL 1, Universitätsplatz 9 

Workshop: Solidarität muss praktisch werden! Austausch über Strategien zur Unterstützung verfolgter Wissenschaftler*innen

Workshop zum Austausch über Mittel und Möglichkeiten, um (gewerkschaftliche) internationale Solidarität in politischen Konflikten von der symbolischen Ebene auf eine konkrete Handlungsebene zu heben.

Englisch, ggf. mit Flüsterübersetzung ins Deutsche und Türkische

18 bis 20 Uhr | Hörsaal 3, Campus Center, Moritzstr. 18, Kassel

Berufsverbote und alternative Strategien politischer Hochschulbildung in der Türkei

Auf der Abendveranstaltung werden die Berichte türkischer Kolleg_innen zur aktuellen Situation in der Türkei, ihre Erfahrungen mit den Berufsverboten und Repressionen des türkischen Staates sowie ihre Strategien zum Aufbau alternativer Hochschul- und Bildungsnetzwerke im Fokus stehen.

Englisch mit Übersetzung ins Deutsche

  • Grußwort: Andreas Keller, Vizepräsident ETUCE/Bildungsinternationale und stellv. Vorsitzender der GEW; Ute Clement, Vizepräsidentin der Universität Kassel, AStA (N.N.)

Diskussionsveranstaltung mit:

  • Dr. Latife Akyüz (Goethe Universität Frankfurt/Academics for Peace)
  • Dr. Ruhi Demiray (Universität Siegen/ Kocaeli Academy for Solidarity)
  • Dr. Rauf Kesici (Universität Duisburg-Essen/Kocaeli Academy for Solidarity) 

Dienstag, 13. Juni, 18 bis 20 Uhr |  Hörsaal 3, Campus Center, Moritzstr. 18, Kassel

Ausgesprochene und unausgesprochene Berufsverbote: Wie konform muss Wissenschaft sein?

Gibt es neben den „direkten Berufsverboten“ der 70er Jahre in der Wissenschaft auch „unausgesprochene Berufsverbote“? Wie weit darf kritische Wissenschaft an der Hochschule gehen? Bzw. inwiefern war und ist es möglich sich politisch zu engagieren, gleichzeitig eine akademische Karriere anzustreben und dabei auch Räume für kritische Wissenschaft und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen zu erhalten oder zu fördern? Wir diskutieren mit:

  • Alex Demirovic, apl. Prof. Institut für Soziologie, Goethe Universität Frankfurt/ Senior Fellow der Rosa Luxemburg Stiftung
  • Frank Deppe, Prof.em. Internationale Politische Ökonomie, Universität Marburg
  • Jenny Simon, Doktorandin der Universität Kassel/ reflect! Assoziation für politische Bildung und Gesellschaftsforschung

 

Veranstalter: Regionalverband Hochschule und Forschung der GEW Nordhessen

Unterstützer*innen: AStA Uni Kassel, AG Berufsverbote der GEW Nordhessen, DGB Jugend Nordhessen, Infobrief-Türkei, Initiative zur Solidarität mit den türkischen Akademiker*innen Kassel, International Center for Development and Decent Work der Uni Kassel (ICDD), u.a.